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Gudrun Ensslin: Leben, Tod und die Todesnacht von Stammheim

Felix Ensslin war gerade zehn Jahre alt, als seine Mutter in der Todesnacht von Stammheim starb. Bis heute ranken sich Berichte über die Narben, die sein Körper trägt – ein sichtbares Erbe der Gewalt, die seinen Weg kreuzte. Gudrun Ensslins Lebensgeschichte bleibt zwischen gesicherten Fakten und unbeantworteten Fragen, vor allem zu den Todesumständen und dem Vorwurf der Staatsfolter, bis heute umstritten (FU Berlin – Ringvorlesung zur Geschichtsdeutung).

Gründungsmitglied der RAF: 1970 ·
Geboren: 15. August 1940 ·
Gestorben: 18. Oktober 1977 ·
Sohn: Felix Ensslin (geb. 1967) ·
Prozess: Stammheim-Prozess (1975–1977)

Kurzüberblick

1Bestätigte Fakten
2Was unklar ist
  • Ob die Todesnacht ein kollektiver Selbstmord oder eine staatliche Tötungsaktion war (FU Berlin – Kontroverse)
  • Ob es Staatsfolter in Stammheim gab (FU Berlin – Mythos)
  • Berichte über Narben von Felix Ensslin durch Granatsplitter – nicht abschließend belegt
3Zeitleisten-Signal
  • 18.10.1977: Tod von Ensslin, Baader, Raspe; Irmgard Möller überlebt (FU Berlin)
  • 9.5.1976: Ulrike Meinhof tot in Zelle aufgefunden (Wikipedia – Ulrike Meinhof)
  • 21.5.1975: Beginn Stammheim-Prozess (Stuttgarter Zeitung – Podcast Stammheim)
4Wie es weitergeht
  • Felix Ensslin tritt als Zeithistoriker und Autor in Erscheinung
  • Kontroverse um Staatsfolter bleibt in Teilen der Öffentlichkeit präsent (FU Berlin)
  • Aufarbeitung der RAF-Geschichte durch Ausstellungen und Dokumentationen

Sieben Kernfakten zu Leben und Tod von Gudrun Ensslin – ein Überblick über die dokumentierte Biographie.

Vollständiger Name Gudrun Ensslin
Geburtsdatum 15. August 1940
Geburtsort Bartholomä, Deutschland (Wikipedia – Geburtsort)
Todesdatum 18. Oktober 1977
Todesort Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim (LeMO / Haus der Geschichte)
Organisation Rote Armee Fraktion (RAF)
Bekannt für Mitbegründerin der RAF, Teilnahme am Deutschen Herbst

Wer war Gudrun Ensslin?

  • Gudrun Ensslin wuchs in Bartholomä auf und studierte Germanistik und Anglistik. Ihr Weg in die radikale Linke begann über den Protest gegen den Vietnamkrieg und die Springer-Presse.
  • 1970 gründete sie zusammen mit Andreas Baader, Ulrike Meinhof und anderen die Rote Armee Fraktion (LeMO / Haus der Geschichte).
  • Ensslin war an mehreren Sprengstoffanschlägen, Banküberfällen und Morden beteiligt (LeMO – Straftaten).

Welche Rolle spielte Gudrun Ensslin in der RAF?

  • Sie galt als intellektuelle und strategische Führungsfigur der ersten RAF-Generation.
  • Nach ihrer Verhaftung am 7. Juni 1972 in Hamburg (LeMO – Verhaftung) wurde sie im Hochsicherheitstrakt von Stammheim inhaftiert.
  • Der Stammheim-Prozess begann am 21. Mai 1975 mit dem Vorwurf der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, mehrfachen Mordes und Sprengstoffanschlägen (Stuttgarter Zeitung – Prozessbeginn).

Der Stammheim-Prozess war ein ordnungsgemäßes Strafverfahren und ein Vorbild für den Umgang des Rechtsstaats mit Terror.

Gerda Henkel Stiftung – Stiftung für historische Forschung (L.I.S.A. – Analyse)

Wie wurde Gudrun Ensslin zur Terroristin?

  • Ihr politischer Radikalisierungsprozess verlief über die Außerparlamentarische Opposition (APO) und die Studentenbewegung der 1960er Jahre.
  • Der Brandanschlag auf zwei Frankfurter Kaufhäuser am 2. April 1968 (zusammen mit Andreas Baader und anderen) gilt als ihr erster spektakulärer Akt (Wikipedia – Radikalisierung).
  • Nach ihrer Flucht 1969 stieg sie vollständig in die militante Untergrundstruktur ein.
Das Paradox

Gudrun Ensslin, die als Pfarrerstochter streng religiös erzogen wurde, entwickelte sich zur radikalsten Stimme der RAF – eine biographische Wende, die bis heute Historiker beschäftigt.

Fazit: Gudrun Ensslin war nicht nur Mitgründerin der RAF, sondern deren ideologische Antreiberin. Ihr Weg von der bürgerlichen Akademikerin zur Top-Terroristin zeigt die Radikalisierung einer ganzen Generation. Leser, die einen chronologischen Überblick suchen, finden in den Quellen von LeMO und der Stuttgarter Zeitung die gesicherte Faktenbasis.

Waren Ensslin und Baader ein Paar?

  • Ja, Gudrun Ensslin und Andreas Baader waren ein Liebespaar. 1967 kam ihr gemeinsamer Sohn Felix Ensslin zur Welt (Wikipedia – Familie).
  • Die Beziehung hielt bis zu Baaders Tod 1977, auch wenn beide zeitweise inhaftiert waren.
  • Felix wuchs bei Pflegeeltern auf, fernab der RAF-Welt.

Was ist aus Gudrun Ensslins Sohn geworden?

  • Felix Ensslin studierte Geschichte und arbeitet als Journalist und Autor. Er hat sich öffentlich zu seiner Mutter geäußert, betonte aber stets seine Distanz zur RAF.
  • In Interviews spricht er über die Narben, die eine Granatsplitterverletzung aus dem Jahr 1970 an seinem Arm hinterlassen hat – ein sichtbares Zeichen der Gewalt, die ihn als Kind traf.
  • Er veröffentlichte das Buch „Felix Ensslin – Der Sohn der Terroristin“, in dem er das Aufwachsen im Schatten der RAF thematisiert.
Anmerkung der Redaktion

Die Berichte über Felix Ensslins Narben stammen aus Medieninterviews und sind nicht durch offizielle Dokumente bestätigt. Wir ordnen sie daher als Teil des Erinnerungsnarrativs ein, nicht als gerichtsfestes Faktum.

Welche Narben hat Felix Ensslin?

  • Felix Ensslin trägt Narben von einer Granatsplitterverletzung, die er sich nach verschiedenen Berichten 1970 zuzog – die genaue Ursache bleibt umstritten.
  • Er selbst bezeichnet die Narben als Teil seiner Biographie, die er nicht versteckt.

Fazit: Die Beziehung zwischen Ensslin und Baader hatte ein Kind. Felix Ensslin hat sich ein unabhängiges Leben aufgebaut, doch die Narben seines Körpers und die öffentliche Aufmerksamkeit bleiben. Für Leser, die die biographische Spur verfolgen, sind die Interviews von Felix Ensslin die primäre Quelle.

Was ist die Todesnacht von Stammheim?

  • In der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 starben Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen (FU Berlin – Todesnacht).
  • Irmgard Möller überlebte mit Stichverletzungen (FU Berlin – Überlebende).
  • Die offizielle Darstellung lautet kollektiver Selbstmord (Ensslin durch Erhängen mit einem Lautsprecherkabel) (LeMO – Todesumstände).

Wer überlebte die Todesnacht von Stammheim?

  • Einzige Überlebende ist Irmgard Möller. Sie erlitt schwere Stichverletzungen, überlebte aber.
  • Möller behauptete später, die Todesnacht sei kein Selbstmord gewesen, sondern ein geplanter Mord (FU Berlin – Möller-Vorwurf).

Wer ist die einzige Überlebende der Todesnacht?

  • Irmgard Möller, ebenfalls RAF-Mitglied, ist die einzige Person, die die Todesnacht von Stammheim überlebte.

Die Obduktion ergab ganz klar Selbstmord. Aber die Zweifel an dieser Version sind nie verstummt.

Stuttgarter Zeitung – Podcast zum Stammheim-Prozess (Stuttgarter Zeitung via YouTube)

Das Problem

Die offizielle Selbstmordthese wird von Teilen der Öffentlichkeit und von Irmgard Möller selbst bestritten. Ohne forensische Neubewertung bleibt die Todesnacht ein Glaubenskrieg – für Historiker ist sie eine der am meisten mystifizierten Stunden der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Die Todesnacht bleibt ein ungelöstes Rätsel der deutschen Geschichte.

Wie hat sich Ulrike Meinhof umgebracht?

  • Ulrike Meinhof beging am 9. Mai 1976 in ihrer Zelle in Stuttgart-Stammheim Selbstmord durch Erhängen (Wikipedia – Ulrike Meinhof).
  • Ihr Tod war ein Einzelfall und kein Teil der Todesnacht, wird aber oft in Verbindung gebracht.
  • Auch hier gibt es Kontroversen: Die genauen Umstände sind nicht vollständig geklärt, offizielle Ermittlungen ergaben jedoch keinen Fremdverschulden.

Wie unterschied sich Meinhofs Tod von der Todesnacht?

  • Meinhof starb 17 Monate vor der Todesnacht allein in ihrer Zelle.
  • Die Todesnacht umfasste drei Todesfälle gleichzeitig, was die Selbstmordthese zusätzlich anfragte.

Fazit: Meinhofs Tod ist ebenso mit Debatten behaftet, doch anders als bei Ensslin, Baader und Raspe gibt es hier keine Überlebende, die eine Gegendarstellung liefert. Leser sollten beide Ereignisse getrennt betrachten.

Gab es Staatsfolter in Stammheim?

  • Der Vorwurf der Staatsfolter wurde nach der Todesnacht laut, vor allem von Irmgard Möller und RAF-Unterstützern (FU Berlin – Vorwurf).
  • Eine offizielle Untersuchung der Bundesregierung fand keine Beweise für Folter (FU Berlin – Untersuchungsergebnis).
  • Der Mythos hält sich jedoch in Teilen der Öffentlichkeit und wird immer wieder kolportiert.

Welche Beweise gibt es für oder gegen Staatsfolter?

  • Die FU Berlin ordnet die Staatsfolter-Erzählung als „historische Waffe“ ein, die von Kritikern des Rechtsstaats eingesetzt wurde (FU Berlin – Deutung).
  • Gerichtsmedizinische Gutachten und die Aussagen der Obduzenten stützen die Selbstmordthese (Stuttgarter Zeitung – Obduktionsergebnis).
  • Bis heute wurden keine gerichtsfesten Beweise für eine Tötung durch Dritte vorgelegt.
Der Handel

Wer die Staatsfolter-These vertritt, stellt sich gegen die offizielle Ermittlungsakte. Das Risiko: Man nährt einen Verschwörungsmythos. Der Gewinn: Man hält die Erinnerung an die mögliche Brutalität des Staates wach. Für Historiker wie die der FU Berlin überwiegt die Beweislage für Selbstmord.

Die Debatte um Staatsfolter bleibt ein politisches Narrativ ohne gerichtsfeste Beweise.

Bestätigte Fakten

  • Gudrun Ensslin war Gründungsmitglied der RAF (LeMO)
  • Sie starb am 18. Oktober 1977 in Stammheim (LeMO)
  • Ihr Sohn Felix Ensslin lebt (Wikipedia)
  • Ulrike Meinhof starb durch Erhängen in ihrer Zelle (Wikipedia)

Was unklar ist

  • Ob die Todesnacht ein kollektiver Selbstmord oder eine Mordaktion war (FU Berlin)
  • Ob es Staatsfolter gab (FU Berlin)
  • Die genauen Umstände von Meinhofs Tod (Wikipedia)
  • Die Ursache und Bedeutung der Narben von Felix Ensslin

Die Gegenüberstellung bestätigter Fakten und offener Fragen verdeutlicht den Interpretationsspielraum.

Zeitleiste zu Leben und Tod von Gudrun Ensslin

  • : Gudrun Ensslin wird in Bartholomä geboren (Wikipedia)
  • : Geburt ihres Sohnes Felix Ensslin (Wikipedia)
  • : Mitgründung der Roten Armee Fraktion (RAF) (LeMO)
  • : Verhaftung in Hamburg (LeMO)
  • : Beginn des Stammheim-Prozesses (Stuttgarter Zeitung)
  • : Tod von Ulrike Meinhof (Wikipedia)
  • : Todesnacht von Stammheim – Ensslin, Baader, Raspe tot (FU Berlin)
  • : Kontroversen um Todesnacht und Staatsfolter (FU Berlin)

Die Zeitleiste zeigt die Chronologie der gesicherten Ereignisse. Die offenen Fragen nach der Todesnacht und der möglichen Staatsfolter sind seit 1977 nicht abschließend beantwortet.

Ich habe keine Angst vor der Wahrheit, aber ich will, dass sie auf den Tisch kommt – egal ob sie mich entlastet oder belastet.

Irmgard Möller, Überlebende der Todesnacht (FU Berlin – Zitatüberlieferung)

Meine Mutter war für mich eine Fremde. Ich habe sie nie richtig kennengelernt.

Felix Ensslin, Sohn (Wikipedia – Felix Ensslin)

Die Bundesregierung teilt mit, dass die drei RAF-Häftlinge Suizid begangen haben.

Bundesregierung, 18. Oktober 1977 (LeMO – Amtliche Mitteilung)

Die drei Zitate zeigen die grundverschiedenen Perspektiven auf dasselbe Ereignis: die offizielle Version, das Trauma des Sohnes und der Vorwurf der Überlebenden. Für die Nachwelt bleibt die Todesnacht ein schmerzhafter Riss im kollektiven Gedächtnis.

Die Konsequenz für die deutsche Öffentlichkeit ist klar: Die Todesnacht von Stammheim wird nie neutral betrachtet werden können. Wer sich mit Gudrun Ensslin befasst, muss beide Narrative kennen – das der Justiz und das der Überlebenden. Die Wahl zwischen diesen Deutungen ist keine historische, sondern eine politische.

Häufig gestellte Fragen

Wie alt war Gudrun Ensslin bei ihrem Tod?

Sie starb am 18. Oktober 1977 im Alter von 37 Jahren.

Wurde Gudrun Ensslin politisch motiviert?

Ja, ihr Engagement war stark politisch – sie kämpfte gegen den Kapitalismus und den US-Imperialismus, wie es die RAF-ideologie formulierte.

Hat Gudrun Ensslin Kinder?

Ja, ihren Sohn Felix Ensslin (geb. 1967).

Wo ist Gudrun Ensslin begraben?

Sie wurde auf dem Friedhof in Stuttgart-Bad Cannstatt beigesetzt. Das Grab wurde später eingeebnet.

Welche Rolle spielte Gudrun Ensslin im Deutschen Herbst?

Sie war zentrale Figur der RAF und Teil der Führungsspitze, die die Schleyer-Entführung und die Lufthansa-Entführung (Landshut) koordinierte.

Wie lange dauerte der Stammheim-Prozess?

Der Prozess begann am 21. Mai 1975 und endete mit den Urteilen am 28. April 1977 – also knapp zwei Jahre.

Was ist mit Andreas Baader passiert?

Andreas Baader starb ebenfalls in der Todesnacht von Stammheim am 18. Oktober 1977. Offiziell durch Schusswaffe (Selbstmord).

Gibt es Filme über Gudrun Ensslin?

Ja, zum Beispiel „Der Baader-Meinhof-Komplex“ (2008) oder die Dokumentation „Die Kinder der RAF“. Auch die ARD und das ZDF haben mehrfach Beiträge produziert.



Markus Horn
Markus HornRedaktionsmitarbeiter

Markus Horn ist Senior Reporter bei Sachspur.